Der Besuch der alten Dame

Britta Heidemann, WAZ, 02.11.2018

Angeblich entscheiden die ersten Sekunden über Gefallen oder Nichtgefallen – manchmal können es aber auch die letzten Sekunden sein, die eine Begegnung noch einmal in einem neuen Licht erscheinen lassen. Ganz am Ende der jüngsten Premiere im Mülheimer Theater an der Ruhr, mitten im Schlussapplaus, stimmt Schauspieler Klaus Herzog plötzlich ein fröhliches „Money Money Money“ an. Das Ensemble fällt ein in die trashige Hommage an Abba, hüpft, tanzt, verrenkt sich in wilder Fröhlichkeit – und kurz keimt der Verdacht, hier verkaufe sich eine Inszenierung an den vermeintlichen Publikumsgeschmack, verwechsele leicht und seicht, verneige sich gar zu tief vor dem, was Pop- und Jugendkultur ausmacht. Dann aber erstarren die Darsteller, wird ihr Lachen zur Grimasse – und endlich entlarvt sich die Party als Satire.

Heike Westhofen, Lokalkompass, 03.11.2018

Mit einfachsten Stilmitteln und quasi ohne Bühnenbild bespielen bis zu 40 Menschen die Bühne in gut austariertem Tempo. Grotesk geschminkte Schauspieler, ein Spielmannszug aus Duisburg, der mit einem Marsch über die Bühne zog und der Chor der Petrikirche […] sorgten für Unterhaltung in dieser ausgewogenen Groteske, die ab und an clowneske wurde, aber nie unfreiwillig lächerlich war. […] Dürrenmatts Grundidee der Täter, die zum Opfer werden und der Opfer, die gleichzeitig Täter sind, führten zum gemeinschaftlichen moralischen Versagen aus Geldgier und letztlich zum Zusammenbruch der Demokratie. Ein topaktuelles Thema, das Hirche hier inszeniert hat. […] Das Publikum bedankte sich begeistert mit reichlichem Applaus für diese temporeiche, gelungene und sehr unterhaltsame Inszenierung.