Gespenster

Andreas Falentin, Die deutsche Bühne, 09. März 2019

Es beginnt in völliger Stille und fast völliger Dunkelheit. Nur das hintere Drittel der Bühne ist wahrnehmbar. Wir sehen, von links nach rechts, einen steif herabhängenden, sich merkwürdig bauschenden roten Theatervorhang, eine Chaiselongue und eine Vitrine. Eine Frau kommt, im schwarzen Kleid, und erspürt, erfährt ihren Raum und spricht zunächst nicht. Schon nach einer halben Minute spürt man Unruhe im Publikum. „Stromausfall?“ flüstert ein Herr links von mir seiner Gattin zu, „Hallo!“ wispert es irgendwo rechts vorne. Wir können die Stille offensichtlich nicht mehr aushalten, wir Publikum. […]

Simone Thoma nimmt den Titel von Ibsens Stück beim Wort. Sie ist an seiner Essenz viel mehr interessiert als an seiner Fülle, am Zustand der Figuren und ihrer Archetypik viel mehr als an einer Handlung. Sie macht es uns also nicht leicht, gießt Stille aus über den leicht ausgebeinten Text und versetzt ihn mit vielen kleinen Gesten und Symbolen, von denen viele das Verfallsdatum überschritten haben. Auch diese Tatsache denkt Thoma mit. Und inszeniert sie.

[…] Es ist wunderbar, diesem Ensemble beim Spielen zuzusehen. Niemand verliert sich im Text, niemand sucht künstlerische Hochgespanntheit oder realistische Scheinauthentizität. Man spielt mit Distanz und Empathie und hat den Text bis ins Kleinste durchgearbeitet, so dass er locker an der Oberfläche schwimmen kann.

Diese Mülheimer „Gespenster“ sind ein spröder, ein störrischer Theaterabend. Die Figuren greifen uns an, machen sich uns verständlich, gestatten uns aber kaum, sie zu mögen. Denn ihr Elend ist nicht nur auf die Schlechtigkeit des toten Herrn Alving zurückzuführen, […] sondern auf ihren Egoismus, ihren Kleinmut, ihre Profitgier und ihre geistige Enge. […] Der Purismus, die Konzentration auf das Nötige, ist nämlich die eigentliche Stärke dieses Abends. Sie macht Ibsen zum Zeitgenossen.