Repertoire

Antigone

nach Sophokles
Dauer: ca. 90 Min.

Keine Katastrophen wie die, die wir in ANTIGONE des Sophokles erleben, waren überflüssiger. Der Untergang der Stadt Theben, nachdem sie vom Fluch des Oidipus befreit war, nachdem dessen Söhne sich gegenseitig im Krieg töteten, war überwunden. Nun wurde Kreon König und erliess das Gesetz, Polyneikes nicht zu begraben, Eteokles aber mit allen Ehren zu bestatten. Antigone widersetzte sich diesem Gebot, bedeckte ihren Bruder mit Sand. Dies nimmt Kreon zum Anlass, die Oidipus-Tochter in einem Felsengrab lebendig einzuschliessen und dort begeht sein Sohn Haimon Selbstmord mit ihr.

Die Positionen, die sich gegenüberstehen sind klar: Antigone fordert das alte Götterrecht, das Totenbestattung unbedingt einklagt, Kreon jedoch ist an der Verlässlichkeit vor allem von menschlichen Vereinbarungen interessiert, um den Staat nicht immer wieder neuer Willkür und Zerstörung auszusetzen. Insofern ist Kreons Schritt ein emanzipatorischer, aber die Härte mit der er ihn durchsetzt, lässt einen kalten, mechanisch orientierten Staat erahnen. Diese Positionen, hier die fundamental argumentierende der Antigone und dort die einer kalten Moderne Kreons, sind bis heute nicht aufgelöst und erzeugen in einer globalen Welt jene Disharmonie zwischen Tradition und Moderne, die nach wie vor Zerstörung von ganzen Staaten und Landschaften hervorruft.

Stimmen

Bernd Bruchner, Nordbayerischer Kurier Bayreuth 06. Oktober 2001

Mit magischer Leichtigkeit durchmessen die Agierenden im Neonlicht diese Wände, wie entrückt wirkt das Geschehen zuweilen. Ohne ein hoch engagiertes und präsentes Ensemble ist eine solche Aufführung, wie man sie in Bayreuth nur in seltenen Sternstunden zu sehen bekommt, nicht denkbar. Volker Roos überragt in der Rolle des Kreon und legt die Tragik dieser Figur, die zwar wissend ist, aber nicht weise handelt, hoch artifiziell an. Er begnügt sich nicht mit dem ungeschriebenen Schauspielgesetz, dass man den Mächtigen nicht zu spielen brauche, weil in die anderen spielen. Roos trät mit Haltung, Bewegung und Gestik wesentlich zur Magie des Abends bei.

Tina Wiora, Wolfsburger Nachrichten 15. März 2003

Keine leichte Kost, die Roberto Ciulli dem Zuschauer auftischt. Aber eine wahrhaft gelungene Aktualisierung, die vor allem durch ihre eindringlichen Bilder und ihre wohltuend wortkarge Textgestaltung überzeugt. Verdienten Applaus gab es am Ende für eine tief beeindruckende Inszenierung und Ensembleleistung.

Der Landbote 11. Januar 2002

„Für Antigone fallen Eros und Tod in eins – und um das zu zeigen, hat Ciulli zahlreiche teils drastische Bilder geschaffen. Von einer Königstochter, die aus hehren Grundsätzen, dem Gesetz der Götter huldigend, das menschliche Gesetz missachtet, den bösen Bruder bestattet und mutig in den Tod geht, ist hingegen nichts zu sehen. Simone Thoma entwirft eine irritierend vielschichtige Figur: Sie ist sinnliche Verführerin, verspieltes Kind, blasierte Prinzessin, verzweifelnde Priesterin zugleich – und doch immer auch Botin aus einer Schattenwelt. Kreon (Volker Roos) tritt auf wie die leibhaftige Strenge und Verschlossenheit: ganz in Schwarz, den Kragen hochgeknöpft, mit finsterer Würde. Überall sieht er die erotische Kraft der Antigone am Werk und möchte das Weibliche am liebsten ganz aus dem Staat verbannen. Die Lobpreisung des Eros, im Original ein Chorlied, wird in seinem Munde zum Fluch.“

Günther Hennecke, Berliner Morgenpost 26. April 2000

„Roberto Ciulli inszenierte „Antigone“ bewusst  „nach“ Sophokles. Er rückt die große Tragödie ein starkes Stück ins Heute. Gewagt, aber bestens gelungen, so heißt das Urteil. […] Immer wieder verblüffen und bannen Ciullis Bild-Erfindungen. Schon ganz zu Beginn herrscht Grabesstimmung – mit feinem Witz garniert. Zwischen glaskalten, nach hinten kippenden Wänden (Bühne: Gralf-Edzard Habben) steht ein schwarzer, steinerner Sarkophag. Lange begleitet Sprachlosigkeit die Stille. Dann beginnt es im Grab zu leben: Eine Hand windet sich heraus, ein Arm, schließlich der ganze Mensch: Antigone. Vom toten Eteokles erfährt Kreon schließlich das Unfassbare: Es war die Liebe Antigones. Eine kurze Begegnung der dritten Art setzt diese, in den Tod verlängerte Liebe, ins Bild: Polyneikes erscheint. Liebe und Tod in einem Bild. Es ist ein Abend voll szenischer Überraschungen, der, mehr als Worte, Spannung zu erzeugen versteht.“