Repertoire

Beben

Maria Milisavljevic

Es hätte so ein schöner Weltuntergang werden können. Maria Milisavljevic entwirft in Beben sehr heutige, egozentrisch weltvergessene Figuren und konfrontiert diese unversehens mit einer neuen, brutalen Realität. Erst ist da ein unheimliches Dröhnen, dann ein Beben, dann Krieg – mitten in den Straßen der eigenen wohlstandsdeutschen Seifenblasen-Kindheit. Über die Plot-Schnipsel im Stil einer Facebook-Timeline legt Milisavljevic weitere Zeit- und Erzählspuren. Die werden nach Bedarf hoch- und runtergefahren, vor- und zurückgespult. Da wird jemand von Schuld gebeutelt, jemand von Trauer. Eine Kontrollinstanz zwingt zum Weiterleben. Ein Level muss fertig gespielt werden. Und dann sitzt da noch dieser „Mann an der Kante von Ulro“. Er ist eine Anleihe bei William Blake, ein menschenverachtender Weltenlenker, der dem Kapitalismus verdammt ähnlich sieht. Regisseur Erich Sidler und Choreograf Valentí Rocamora i Torà haben ihre beeindruckend präzise Inszenierung in Heidelberg aus den dunklen, zwanghaften Elementen des Textes entwickelt. Die Körper performen Fitnesstraining, Yoga oder Elektroschocks, die Worte kämpfen und kämpfen um Gehör. Alles wunderbar negativ also. Aber dann besitzt Milisavljevic die Dreistigkeit, die schicksalhafte Abwärtsspirale durch einen Moment ganz naiver Menschlichkeit auszubremsen – und damit gelingt ihr ein irritierender Volltreffer.

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