Repertoire

Der Hofmeister

Jakob Michael Reinhold Lenz
Dauer: ca. 165 Min.

Roberto Ciulli inszeniert „Der Hofmeister“, eine Tragikomödie, die im Zeitalter der Aufklärung sarkastisch Bildung und Erziehung ins Visier nimmt.

Äußerst widerstrebend und nur auf Wunsch seines Vaters hat der junge, bürgerliche Akademiker Läuffer eine Stellung als Hauslehrer, angenommen. Den Kindern des adligen Major von Berg soll er „Wissenschaft und Weltmanieren“ beibringen. Dafür erhält er wenig Lohn und wird zudem von Frau Major zum Dienstboten degradiert. Mit Gustchen, der Tochter des Hauses, geht der Gedemütigte eine Liaison ein. Als seine Schülerin von ihm schwanger wird, flüchtet er sich in das Haus des Dorfschullehrers Wenzeslaus. Es ist ein Wechsel von Regen in die Traufe. Wenzeslaus predigt ihm Selbstdisziplin und Enthaltsamkeit. Von Läuffer fordert er bedingungslose Anpassung an seinen sinnesfeindlichen Lebensstil. Um seine sexuellen Gelüste abzutöten, kastriert sich Läuffer schließlich selbst und wird für diese radikalste Form der Triebunterdrückung von seinem neuen Mentor als Vorbild für die Jugend gefeiert. Auch Gustchen ist geflohen. Im Wald, bei der alten, blinden Marthe, bekommt sie ihr Kind. Von Schuldgefühlen geplagt, entschließt sie sich zum Selbstmord, doch, oh Wunder, es kommt alles zu einem guten Ende.

Stimmen

Sebastian Kirsch, Theater der Zeit 18. Oktober 2008

Am Schluss der Inszenierung ist klar: Es sind diese Söhne, die seit Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie für das Unheil in der deutschen Geschichte zuständig sind, nicht die Väter. Was in einer gegenwärtigen Verwirrung der Generationenabfolge bei gleichzeitiger Verwüstung der Bildungsinstitution geendet ist, hat seine Wurzeln im 18. Jahrhundert. All das lässt sich dem Hofmeister entnehmen, wenn er so genau gelesen wird, wie in Mülheim.

Nina May, Westdeutsche Zeitung 14. Mai 2007

Ciulli gelingt es meisterhaft, die [...] Figuren zu beleben. Faszinierend ist Simone Thoma als geruchsfetischistischer Graf Wermuth, der mit weißem Gesicht und stolzem Getänzel an Pierrot und seinen Ahnherrn aus der Commedia dell´arte, Arlecchino, erinnert. Wunderbar Volker Roos als stoischer Schulmeister Wenzeslaus, bei dem Läuffer Zuflucht sucht, nachdem er mit seiner Schülerin Gustchen anbandelt.

Bettina Jäger, Ruhr Nachrichten 12. Mai 2007

Ohne die Standesunterschiede, die das Paar raketengleich ins Unglück katapultieren, wäre der Text nicht denkbar. Doch Ciulli ruft nicht die Bürger zur Revolution, ihn interessiert Psychologie vor Politik. Hier ist jeder Geist beschädigt, mancher an den Zuständen irre geworden und einer starr vor Entsetzen – nämlich Peter Kapusta, der sich als Hofmeister wie ein naives Kind ins Unheil stürzt. Die Schauspieler folgen den Dialogen des J.M.R. Lenz, der vermutlich selbst an Schizophrenie litt, tief in den Wahnsinn des Majors, in die Exaltiertheit der Mutter, in die Verzweiflung der Blinden.

Gudrun Norbisrath, Westdeutsche Allgemeine Zeitung 12. Mai 2007

Ciulli entwickelt die Geschichte zwingend. Es fängt so langsam an, dass man wie der Knabe am Pult ins Dösen verfallen möchte; sie stehen und deklamieren mit viel „itzt“ und „o“ doch bevor man entnervt auf die Uhr sehen kann, schlägt der Blitz ein, die Majorin kreischt, der Hofmeister macht Menuettschritte und Graf Wermuth erscheint. Simone Thoma im weißen Anzug schlenkert die Glieder: Gottes Marionette; sie windet sich schön aasig, fast wie Gustav Gründgens.

Jacqueline Siepmann, Neue Ruhr Zeitung 12. Mai 2007

Man darf sich nicht täuschen lassen: Eine Komödie aus dem 18. Jahrhundert muss keineswegs eine verstaubte Schmonzette mit plüschigem Charme sein, zumal nicht, wenn so ein widerspenstiger Geist wie Jakob Michael Reinhold Lenz sie geschrieben und jemand wie Roberto Ciulli sie inszeniert hat. Dann trifft man stattdessen auf gesellschaftliche Konstellationen, die man gemeinhin eher für Phänomene des späten 20. Jahrhunderts halten würde.

Besetzung

Albert Bork
Herr von Berg. Geheimer Rath
Peter Kapusta
Läufer. Ein Hofmeister
Fabio Menéndez
Fritz von Berg
Steffen Reuber
Pätus. Ein Student
Volker Roos
Wenzeslaus. Ein Schulmeister
Rupert J. Seidl
Rehaar. Lautenist

Team

Roberto Ciulli
Inszenierung
Heinke Stork
Kostüme