Repertoire

Der Kaufmann von Venedig

William Shakespeare
Dauer: ca. 165 Min.

Bassanio ist pleite. Wieder einmal. Doch Antonio, der reiche venezianische Kaufmann, kann helfen. Ihm leiht man Geld, seine Waren, die auf Schiffen übers Meer schaukeln, sind sein Kapital. Zugegeben, ein virtuelles, bevor sie nicht Venedigs Hafen erreicht haben. Deshalb verlangt der jüdische Geldverleiher Shylock ein zusätzliches Pfand: ein Pfund Fleisch von Antonios Leib, wenn er zur bestimmten Zeit den Schuldschein nicht einlösen kann. Wozu braucht Bassanio eigentlich soviel Geld? - Er will sich um Portias Hand bewerben, die reiche Tochter ihres verstorbenen Vaters, der wohl ein kauziger, aber sittenstrenger Mann gewesen ist. Portia darf nicht heiraten, wen sie will, sondern nur den, der das richtige von drei Kästchen wählt, die jeweils einen Sinnspruch tragen. Allein um bei dieser Lotterie dabeizusein, braucht Bassanio das Geld, er muß mit angemessenem Hofstaat erscheinen. Ansonsten bestimmt der Müßiggang das Leben. Und Shylock, der Verachtete mit seiner häßlichen Forderung, ist eine willkommene Unterhaltung gegen die Eintönigkeit der ans Ufer schwappenden Wellen. Und wer Portia gewinnt, das ist auch noch aufregend in einer Welt des gepflegten Wohlbefindens.

Stimmen

Holsteinischer Courier, Karin Hartmann, 07. Oktober 2013

Das sind starke Bilder, und großartig spielten die Protagonisten die Kernszenen: Volker Roos war der tiefsinnige Kaufmann Antonio, Petra von der Beek der hasserfüllte Shylock. Warum eine Frau? Vielleicht, weil die Figur so leichter den gängigen Klischees „des Juden“ entgehen kann? Im Stück wird zwar vom Tode Shylocks gesprochen; doch in der Inszenierung scheint Ciulli selbst als „ewiger Jude“ wieder auferstanden zu sein. Das ist zwar nicht Shakespeare, aber echt Ciulli. Er verweigerte dem Publikum auch einen Schluss à la Shakespeare mit drei glücklichen Paaren und zeigte die ehemals so junge Gesellschaft um Jahrzehnte gealtert, gebrechlich und in hoffnungsloser Tristesse erstarrt. Aus der großen Ensembleleistung müssen noch einige Darsteller hervorgehoben werden. Rosmarie Brücher hatte als Portia einen fulminanten Opernauftritt, untermalt mit Verdi-Musik aus „Die Macht des Schicksals“ und rückte als „falscher“ Richter in den Mittelpunkt des Geschehens. Komödiantisch und beklemmend-naturalistisch war Maria Neumann als Nerissa, von großer Präsenz Simone Thoma als Shylocks Tochter Jessica.

Erlanger Nachrichten 22. Januar 2002

„Roberto Ciulli setzt den Hebel an bei William Shakespeare und beweist auf grandiose Weise, dass man mit dem englischen Altmeister wirklich alles machen kann: Seine Inszenierung von „Der Kaufmann von Venedig“ ist Shakespeare-Adaption, -Reflexion und –Paraphrase in einem. Und fantastisches Schau-Theater sowieso. Ciulli setzt auf prachtvoll ausgeklügelte Bilder und Situationen, entwirft eindrucksvolle Tableaus mit intensiver Atmosphäre.“

Kölner-Stadtanzeiger 05. Dezember 2000

„Ciulli/Schäfer denken und dichten Shakespeare weiter, mit Blick auf das 20. und den Beginn des 21. Jahrhunderts. Wer sich mit dem anderen, was immer es sein mag, nicht produktiv auseinandersetzt, kann nicht kreativ sein. Gleich der Auftakt, wenn die Genießer und Händler auf Kaffeehausstühlen sitzen und nichts Wesentliches zu tun wissen, verrät Lähmung. Dass die nicht aufs Publikum übergreift, gehört zum Erstaunlichen dieser Aufführung. Großen Anteil daran hat freilich, dass die Shylock-Rolle von einer Frau gespielt wird. Ciulli hat das Thema Antisemitismus auf der Bühne mutig, auch riskant angepackt.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung 01. Dezember 2000

„Roberto Ciulli beginnt seine Inszenierung mit einem Gesellschaftsbild, das einmal mehr ein Hauptthema seiner prozeßhaften, als Projekt Moderne angelegten Theaterarbeit exponiert: die Langeweile und wie daraus Gewalt entsteht. Es sind gutsituierte junge Männer ohne Orientierung und ohne Lebensentwurf, die hier vorgestellt werden, Leute von heute, die sich mit albernen Neckereien und karnevalistischem Tätärätä in oberflächlicher Ausgelassenheit bei Laune halten, Protagonisten der Spaßgesellschaft, die die Zeit und dabei fast auch sich selbst totschlagen. Die Aufführung erzählt davon in leicht opernhaft stilisierten, von Verdi-Musik unterlegten Bildern, zu deren mächtigstem und majestätischstem der Auftritt Portias wird.“

Karten

Besetzung

Rosemarie Brücher
Portia