Repertoire

In dir schläft ein Tier

Oliver Schmaering

Wir wünschen einander wie nebenher Gesundheit, überhören – Hauptsache gesund! – die großmütterlichen Floskeln, wir haben zu tun und ganz andere Sorgen – bis es dann passiert: Wir werden krank. Wie egal wird plötzlich der Facebook-Status, wenn man Zahnschmerzen hat. Ein simpler Schnupfen und das Lieblingsessen ist nur noch fade, die Frühlingssonne zu grell, und redete die beste Freundin schon immer so laut? Spätestens jetzt, wo alles schmerzt, erinnern wir wieder: Was immer wir tun, wir bleiben dabei (auch) ein Tier. Das ist stark, aber sterblich, wissen die Medizin-Nobelpreisträger Emil von Behring und Paul Ehrlich. Schnupfen und Zahnweh überlassen sie den Hausärzten, es geht auf Leben und Tod: Das Mädchen Ultima ist krank und benötigt dringend Antikörper gegen die Diphterie, den dereinst gefürchteten „Würgeengel der Kinder“. Wollen die Forscher dem Tier in uns (und in Ultima) helfen, müssen sie ins Ungewisse. Das raunt, umstellt und bedrängt sie zähnefletschend oder mikroskopisch klein und hinterhältig. Und immer droht das Scheitern. Die Krankheit könnte schneller als die Forscher sein und ihre Erreger neu erfinden, anpassen. Bei allem Ernst der Lage forschen Behring und Ehrlich mit eben der Lust, die sie am Leben haben. Zu großmäulig und gutgelaunt für den antiseptischen Mundschutz, gibt ihnen Oliver Schmaering genau das Maß an Selbstironie, Zweifel und Größenwahn, was Nobelpreise wohl erst möglich macht. Und wo der Autor sprachlich versiert und einfallsreich anbietet, wissen Regie, Bühne und Schauspielkunst immer eine Antwort – und mehr als nur eine. Wissenschaft und Forschung müssen nicht staubtrocken sein. Q. e. d., jetzt ist das zweifelsfrei bewiesen.

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