Repertoire

Rückkehr in die Wüste

Bernard-Marie Koltès
Dauer: ca. 110 Min.

Eine Stadt in Frankreich, zu Beginn der 60er Jahre. Mit ihren Kindern kehrt Mathilde aus Algerien zu ihrem Bruder an den Ort ihrer Kindheit zurück, in die »Wüste« der französischen Provinz, aus der sie als junge Frau vertrieben wurde. Sie kommt, um Rache zu nehmen.

Bernard-Marie Koltès ist in den 80er Jahren aufgeglüht wie ein Meteor, hat dem europäischen Theater ein paar Stücke hingeworfen, voll ungeahnter, rätselhafter Bilder, auf die sich alle Bühnen stürzten, und während die Theaterkritik noch heftig disputierte, ob da ein Genie am Werke sei oder ein Blender, ein Scharlatan, war er schon wieder verschwunden, mit nicht einmal 41 Jahren. Heute gilt er als einer der stilistisch herausragenden Dramatiker Frankreichs. Seine Stücke um Fremdenfeindlichkeit, Postkolonialismus und Entwurzelung gewinnen heute, in Zeiten der Islam- und Flüchtlingsdebatten, zunehmend an beunruhigender Aktualität.

Bernard-Marie Koltès war Sohn eines radikal nationalistisch gesinnten Offiziers aus Metz, ein Titel wie KAMPF DER NEGER UND DER HUNDE ist da durchaus exemplarisch zu verstehen, als Rebellion gegen den Vater und das kolonialistische Erbe Frankreichs, das er repräsentiert. Im Hintergrund fast aller Stücke von Koltès leuchtet ein archaisches, sinnliches Afrika auf, wie eine Ahnung von Rebellion und unterdrückter Wut. Vor diesem Hintergrund tragen die Weißen ihre Konflikte und Dramen aus wie orientierungslose Identitäten in einem Niemandsland.

EINE KOPRODUKTION MIT DEN RUHRFESTSPIELEN RECKLINGHAUSEN

Stimmen

Günther Hennecke, theaterfischer, 08. Juni 2015

Was dekadent und dunkel erscheint, bricht Koltès gleichwohl immer wieder mit Komik auf. Ciullis Regie steht dem Autor in nichts nach. So zaubert er immer wieder Lachfalten in die Zuschauer-Gesichter. Das ist bei diesem Bilder-Zauberer nicht alltäglich, zeigt aber einmal mehr, dass Alter auch Weisheit gebären kann. Eine Ebene, auf der sich der mittlerweile 81-Jährige Roberto Ciulli mit immer wieder hinreißenden Farb-Tönen traumhaft sicher bewegt.

Alfred Pfeffer, Recklinglinghäuser Zeitung, 15. Juni 2015

Es muss nicht immer Berlin, Hamburg oder London sein. Für die Ruhrfestspiele liegt das Gute sehr nahe: in Mülheim arbeitet mit Roberto Ciulli ein Regisseur, der seit Jahrzehnten zu den besten und wichtigsten im Land gehört. Das lange Warten auf seine Rückkehr hat sich gelohnt. Mit „Rückkehr in die Wüste“ von Bernard-Marie Koltès gelang Ciulli ein Höhepunkt der Festspiele. Der Protagonist Adrien ist ein übler Rassist und Chauvinist im Gewand des jovialen Gemütsmenschen (brillant zeichnet Steffen Reuber den Faschisten hinter der Maske des patenten Kleinbürgers). Roberto Ciulli findet sehr sinnliche Bilder für die Geschichte und erzählt sie stilistisch virtuos mal voll dunkler Poesie, mal bitter-komisch und bizarr, und dann wieder kommt der Schrecken fast beiläufig lakonisch daher. Im durchweg guten Ensemble ist noch die Mathilde von Petra von der Beek hervorzuheben. Vielschichtig ist ihre Figur angelegt, gekonnt pendelt sie hin und her zwischen Fatalismus, kalter Wut und verzehrender Hassliebe. Frenetischer Beifall vom Premieren-Publikum.

Stefan Keim, WDR 3 Mosaik, 07. Juni 2015

Roberto Ciulli hat einen sehr starken stilistischen Zugriff. Er deutet Koltès nicht von der düsteren, existenzialistisch philosophischen Seite, sondern wählt einen komödiantischen Zugang mit Boulevardton und surrealen Momenten. Dabei gelingt es Ciulli, mit einem ausgezeichneten Ensemble das Stück auf eine hochinteressante Schwebe zu bringen - zwischen Komik und Grauen.

Steffen Tost, Neue Ruhr Zeitung, 07. Juni 2015

Es ist ein Verdienst von Roberto Ciulli, diesen Autor wieder aus der Versenkung hervor zu holen. Es lohnt sich auch, denn das Stück über Kolonialismus, Fremdenfeindlichkeit und Entwurzelung bleibt aktuell.

Jens Dirksen, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 07. Juni 2015

Koltès’ Stück macht diese Situation zur Grundlage für sarkastische, bitter-groteske Dialoge von großer Feuerkraft. „Wie ist der Tod?“ – „Man braucht kein Geld mehr.“ Aber Ciulli bricht den Giftpfeilen mehr als einmal mit poetischen Bildern und der subtilen Musik von Matthias Flake die Spitze. Am Ende wird Mathilde dem über seinen Schnürriemen verzweifelnden Adrien fürsorglich die Schuhe binden, damit sie gemeinsam die beiden Koffer nehmen können, die da schon seit einer halben Ewigkeit im Sand warten. Sie gehen fort, werweißwohin. Starker Beifall für Ciullis „Rückkehr in die Wüste“ bei den Ruhrfestspielen.

Kai-Uwe Brinkmann, RuhrNachrichten, 07. Juni 2015

Die Hassliebe zwischen Mathilde (Petra von der Beek) und ihrem Bruder Adrien (sehr gut: Steffen Reuber) hat etwas Inzestuöses, wenn Adrien Mathilde gierig beschnuppert und beknabbert. In Reubers Spiel und seiner Körperlichkeit liegt böse animalische Energie. Politik, Weltanschauung und das Psychogramm einer Familie verschmelzen hier. Mathilde kam aus Algerien, um sich an denen zu rächen, die sie als Nazi-Flittchen denunzierten. Mit Tochter und Sohn quartiert sie sich im Haus der Eltern ein, wo Adrien das Regiment führt. Die Figuren sind beschädigt und verdammt, so beißwütig sie sich auch geben. Die Sprache roh, die Affekte grob, die Darsteller vital: All das beschert Ciullis Stück eine Kraft, die Wut und Feuer (und Witz!) von Bernard-Marie Koltès kongenial transportiert. Viel Beifall für Schauspieler und Regisseur.

Besetzung

Petra von der Beek
Mathilde Serpenoise
Steffen Reuber
Adrien, Mathildes Bruder
Simone Thoma
Fatima, Mathildes Tochter
Dagmar Geppert
Marie Rozérieulles
Oliver El-Fayoumy
Aziz
Jubril Sulaimon
Der große schwarze Fallschirmjäger
Klaus Herzog
Plantières, Polizeipräfekt
Rupert J. Seidl
Borny, Rechtsanwalt
Fabio Menéndez
Édouard, Mathildes Sohn

Team

Roberto Ciulli
Inszenierung
Dijana Brnic
Regieassistenz