Repertoire

Der fremde Blick


Roberto Ciulli stellt sein Buch "Der fremde Blick" vor.
 

Auszüge aus der Besprechung des Buches in DIE DEUTSCHE BÜHNE:

„l) Die Idee zur Gründung eines autonomen Theaters entspringt dem Wunsch, singuläre Bedingungen für die künstlerische Arbeit zu gewinnen. Die heute vorherrschenden Strukturen der Stadttheater lassen das notwendige Bemühen, Theater als Kunstform fortzuentwickeln, in meist ohnmächtige, gegen den technischen und verwaltungstechnischen Apparat gerichtete Versuche verfallen." (aus: „Der fremde Blick - Roberto Ciulli und das Theater an der Rühr", Seite 354) oberto Ciulli und sein Dramaturg und jahrzehntelanger Arbeitspartner Helmut

Roberto Ciulli und sein Dramaturg und jahrzehntelanger Arbeitspartner Helmut Schäfer begannen 1979 so ihre „Arbeitsvorlage für ein autonomes Theater". Die Haltung, die dahintersteht, war damals nicht neu und wird auch heute noch gelegentlich vertreten. Dass solche Erwägungen aber tatsächlich zur Gründung eines heute fast 40 Jahre bestehenden Theaters beigetragen haben, darf als singulär betrachtet werden, genauso wie die ökonomischen und Produktionsbedingungen: 200.000 DM stellte die Stadt Mülheim an der Ruhr Roberto Ciulli ab 1981 jährlich zur Verfügung. Der hatte dafür mit dem neuen Theater an der Ruhr 150 Aufführungen pro Spielzeit anzubieten und sein 20-köpfiges Team zu finanzieren. Das war allein in Mülheim natürlich nicht zu erwirtschaften. Da wurde jede der zwei Inszenierungen pro Spielzeit ganze siebenmal in der Stadthalle gezeigt. Es wurde also getourt, nach Remscheid oder Ludwigshafen, bald auch in den Iran oder nach Ecuador, im Laufe der Geschichte des Theaters in sage und schreibe 42 Länder - und das nicht nur mit der Idee einer betrieblichen Selbsterhaltung durch künstlerische Arbeit, sondern mit eigenständigen, durchaus extremen (und von den Produktionsbedingungen beeinfiussten) ästhetischen Vorstellungen. [...]

ERFOLGSGESCHICHTE
Der von Alexander Wewerka und Jonas Tinius herausgegebene Doppelband „Der fremde Blick" nähert sich dieser einzigartigen Erfolgsgeschichte dankenswerterweise nicht mit einer, bekanntlich am Ende erfolgreicher Intendanzen gerne veröffentlichten, Großmeister-Lobhudelei mit üppigen Selbstbespiegelungs-Einsprengseln, sondern in Form einer begleiteten, kommentierten Dokumentation. Da er die zentrale Figur ist, bekommt Roberto Ciulli auf vielfältigen Wegen die Möglichkeit, sich zu äußern. In Bild- und Schriftzeugnissen wird seine Biographie im ersten, roten Band genauso in- und extensiv dokumentiert wie die Geschichte und der künstlerische Output des Theaters an der Rühr im zweiten, blauen Band. Das reicht, phantasievoll und leserfreundlich angeordnet, von Kinder- und Familienbildern über faksimilierte Verträge bis hin zu Inszenierungsfotos, vom Romanfragment über Interviews zu konzeptionellen und philosophischen Texten. Dazu kommen wutschnaubende Verrisse genauso wie Kritiken der dem Theater und dem Theatermacher zugeneigten Journalisten wie Benjamin Henrichs, Heinz Klunker oder Reinhard Kill. Gerade Kill findet in der Rheinischen Post immer wieder schöne, treffende Sentenzen für Ciullis in vielerlei Hinsicht tatsächlich „fremden Blick" auf das Theater. „Er gibt nicht vor, Bescheid zu wissen" heißt es da über den „Sommernachtstraum"und zu den „Bakchen": Ciullis Theater „sucht keineswegs nur Bedeutung, ist auch Erscheinung, entfesselt eine Zuschau-Lust, wie sie rar geworden ist auf unseren Bühnen", eine Beobachtung, die sich auch auf die optische Aufbereitung von „Der fremde Blick" anwenden ließe, die Erinnerungen weckt, vor allem aber neugierig macht. [...]

ERLEBNIS
Der Umgang mit diesen 1250 Seiten, das Durchblättern und Sich-Festlesen, hat im engeren Sinne Erlebnischarakter. Ständig scheinen sich einzelne Sätze oder Abschnitte aus dem Text zu lösen, das Bcwusstsein als Wort gewordene Wderhaken zu entem. Beispiel gefällig? »Erst dann ist es Kultur, wenn es deins geworden ist", »Theater ist ein Diskurs, der ein ganzes Leben lang weitergeht**, .Regie führen ist die Kunst, den Zufall zu ermöglichen" oder „Ich habe keine eigene Sprache mehr". Da weiß einer, wovon er spricht, und traut sich, es zu sagen, ohne sich dabei groß oder klein machen zu wollen. Und es ist zu spüren, dass er nach wie vor kämpft: für Bildung, für die Anerkennung der Kostbarkeit des Wissens, für die Freiheit der Kunst und die Verantwortung des Künstlers. [...]

Wer „Der fremde Blick" liest und das alles vorher nicht kannte, wird unter Umständen den Wunsch in sich wecken, mal nach Mülhcim an der Rühr zu reisen.

 

Karten