Repertoire

SOKRATES DER ÜBERLEBENDE / WIE DIE BLÄTTER (DSE)

NACH „IL SOPRAVVISSUTO“ VON ANTONIO SCURATI und MIT TEXTEN VON PLATON, CEES NOTEBOOM & GEORGES I. GURDJIEF
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten

Die Schule ist ein emblematischer Ort, an dem die Fragen nach der Wirkung von Erziehung und Bildung ungefiltert zu Tage treten können. Die Inszenierung von Anagoor, dieses herausragenden Regiekollektivs, nimmt diese Fragen auf zutiefst berührende Weise aus der Perspektive eines Lehrers in den Blick. Der Roman „Der Überlebende“ von Antonio Scurati und Texte von Cees Noteboom und Platon bilden die Grundlage dieses Projekts. Aus der sehr persönlichen Perspektive eines Geschichts- und Philosophielehrers, der vor seiner Klasse steht und den Tod des Sokrates behandelt, schildert Regisseur Simone Derai die letzte Unterrichtsstunde vor einem Amoklauf: Ein Schüler richtet eine ganze Prüfungskommission hin und verschont nur diesen einen Lehrer, der als Überlebender zum Erzähler der Geschichte wird. Die Aufführung, in der dem Lehrer eine Gruppe von Schülern gegenübergestellt wird, hinterfragt in beeindruckenden Bildern, Choreografien, Filmsequenzen und verbunden mit einer überwältigenden Soundinstallation, die Möglichkeiten humanistischer Bildung. Sind wir in der Lage die Gewaltdisposition des Menschen durch Bildung und Erziehung zu durchbrechen? Dabei eröffnen die Zweifel und Konflikte des um seine Schüler und um Aufrichtigkeit ringenden Lehrers einen außergewöhnliche, berührende Perspektive auf das Innenleben der Lehrerfigur und auf das Verhältnis von Lehrern und Schülern.

Anagoor erhielt für „Socrate“  den prestigeträchtigen „Premio Rete Critica“ für die beste italienische Theaterproduktion des Jahres 2016. Das Theater an der Ruhr zeigt in der Regie von Anagoor eine in Mülheim entwickelte deutschsprachige Version als deutschsprachige Erstaufführung.

Anagoor feierte bereits international Erfolge und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Im Juli 2018 erhielt Anagoor den silbernen Löwen der 46. Internationalen Theaterbiennale von Venedig.

"Jenen, die bezweifeln, dass das italienische Theater derzeit eine Phase außerordentlicher Kreativität erlebt, denen, die immer noch nicht glauben, dass derzeit ein entscheidender Umbruch zwischen den Generationen stattfindet - der auch einen Wechsel der Perspektive und des ästhetischen Kanons mit sich bringt, denen möchte ich empfehlen, sich die erstaunlichen Aufführungen von Anagoor anzuschauen." (Renato Pallazi,  Il Sole 24 Ore)

Stimmen

Die Deutsche Bühne, Detlev Baur

All das ist ambitioniert und so klug wie kunstvoll kombiniert. Derai (der neben der Regie auch für Co-Dramaturgie, -Kostüme, -Video und Lichtdesign steht) wagt einen assoziativen Reigen über Sinn, Ziele und Grenzen von Pädagogik, über Dummheit und Gewalt ­ und spannt dabei mit zahlreichen, kunstvoll verknüpften künstlerischen Mitteln einen Bogen von der Antike in die Gegenwart. […]

Ein Amoklauf dient in diesem eigenwilligen Stück aus einem Klassenzimmer nicht als Ausgangspunkt psychologisch oder gar belehrend über den Täter zu schwadronieren, sondern tiefer zu graben in Geschichte und System, letztlich über das menschliche Leben und Sterben, ja Kreatürlichkeit überhaupt nachzudenken.

WAZ, Wolfgang Platzeck

Wohl nirgends manifestierten sich die drängenden Fragen nach Bedeutung und Wirkung von Erziehung und Bildung so stark wie am emblematischen Ort Schule. Damit verbunden: die Frage nach Macht und Ohnmacht des Lehrers. Die preisgekrönte Produktion des italienischen Regie-Kollektivs Anagoor, für die mit dem Theater an der Ruhr eine deutschsprachige Fassung entwickelt wurde, ist umso verstörender, als „Sokrates der Überlebende / Wie die Blätter“ den Zuschauer ratlos, ohne wohlfeile Antworten entlässt.

Trailer-Ruhrgebiet

Anhand von Gleichnissen des Sokrates, der im Angesicht des Todes den jungen Alkibiades noch vor ungenauen Analysen warnt (als Video mit Masken eingespielt), mit Erklärungen zum Täter und der Lehrerschaft hat Simone Derai einen nachdenklichen, aber wunderbaren Abend geschaffen.

Besetzung


Dramaturgie: Simone Derai und Patrizia Vercesi
Übersetzung: Paola Barbon
Kostüme: Katharina Lautsch und Simone Derai
Maske: Silvia Bragagnolo und Simone Derai
Musik und Sounddesign: Mauro Martinuz
Video: Simone Derai und Giulio Favotto
Lichtdesign: Simone Derai
Regiemitarbeit: Marco Menegoni

Es spielen:
Bernhard Glose

Irene Blasig
Berkay Cetin
Dara Dyckerhoff
Frank Kleineberg
Lena Kothe
Marius Meschede
Max Siegel
Lara Wolf


Schauspieler im Video:
mit Domenico Santonicola (Sokrates), Piero Ramella (Alkibiades), Francesco Berton, Marco Ciccullo, Saikou Fofana, Giovanni Genovese, Elvis Ljede, Jacopo Molinari, Piermaria Muraro, Massimo Simonetto